Die Glokalisierung ist ein sogenanntes Kofferwort, «erschaffen» vom amerikanischen Soziologen Roland Robertson. Es bildet sich aus den zwei Begriffen Lokalisierung und Globalisierung, die nicht im Gegensatz zu einander, sondern im Gleichgewicht stehen. Ursprünglich kennzeichnete der Begriff eine Marketingstrategie, mit der multinationale Unternehmen ein einheitliches Produkt jeweils nach regionalen Gewohnheiten und Wertesystemen vermarkten. Coca Cola gilt dafür als Paradebeispiel.

Globalisierung und Corona-Krise

Die Globalisierung kriselte schon länger, doch die Corona-Krise offenbarte schonungslos, wie fragil das System internationaler Wertschöpfungs- und Lieferketten ist. Das negative Paradebeispiel zeigte sich in der Pandemie durch die nicht zu befriedigende Nachfrage nach Gesichtsmasken, deren enorm steigende Preise oder beschlagnahmte Lieferungen an Grenzen.

Stehen wir vor dem Ende der Globalisierung?

Es klingt einfach, die Produktion aus Billiglohnländern zurückzuholen. Aber macht es Sinn in unserer Region Niedriglohnsektoren zu installieren? Zudem müssen wir wohl gewisse Abhängigkeiten von anderen Weltregionen anerkennen, weil beispielsweise Rohstoffe wie seltene Erden hier schlicht nicht vorkommen.

Aber der wichtigste Grund, weiterhin auf globalen Handel zu setzen, heisst Frieden. Internationaler Handel erweist sich in vielen Fällen als Kitt für geopolitische Bruchstellen. Zudem trägt er zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand rund um den Globus bei. Die Globalisierung zurückzudrehen, ist keine Option, da die weltweite Zusammenarbeit grundsätzlich erwünscht und nötig ist. Besonders eindrücklich zeigt dies momentan die internationale Forschung am Beispiel für die Entwicklung eines neuen Impfstoffs.

Es wird trotzdem Anpassungen geben müssen, etwa eine Verkürzung der Lieferketten, was sowohl dem Klima als auch der Versorgungssicherheit dienen kann. Durch Technik und Digitalisierung bestimmte Produktionsschritte ins Land, in die jeweiligen Regionen zurückzuholen, macht Sinn.

Think global, act local = Glokal

Das wirtschaftlich und sozial Nahe wird an Bedeutung gewinnen. Unternehmen produzieren lokal, um die heimische Wertschöpfung und Forschungsinstitutionen zu stärken, sowie um die lokale Versorgung sicher zu stellen. Der Absatz der Produkte findet jedoch global auf dem Weltmarkt statt, weil dies eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist, die nicht nur internationale Konzerne betrifft, sondern auch mittelständische Unternehmen, die mit Nischenprodukten oft weltweit sehr erfolgreich sind.

Es geht bei „Glokalisierung“ also nicht um entweder oder. Es geht auch keinesfalls um „Rückzug“ oder „Provinzialität“, sondern um das Entstehen regionaler Wirtschaftsräume.

Lokale Partnerschaften stärken die Wirtschaft

Für Unternehmen und Regionen heisst das, sie müssen stärker in Netzwerken denken, um etwa Produkte gemeinsam anbieten oder einkaufen zu können. Netzwerkstrukturen sind zwar teurer, weil man sie nicht so gut wie lineare Strukturen optimieren kann, dafür aber „weniger kaputtbar». Es braucht dafür vor allem eine stärkere Zusammenarbeit. Für den Einkauf heisst das etwa, gemeinsam lokal von unterschiedlichen Quellen zu kaufen, um flexibler und unabhängiger zu sein.

In den Regionen vorhandene Stärken stärken und neue entwickeln

Die Pandemie hat einen weiteren Trend in Gang gesetzt. Die «Landflucht», lange fast ein Naturgesetz, scheint durch die Krise gestoppt. Vor allem junge Familien und Ältere zieht es wieder raus aufs Land. Ein massgeblicher Treiber ist die Digitalisierung. Die Grenzen zwischen Urbanität und Ländlichkeit werden aufgrund des technologischen Wandels verschwimmen.

Um nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Lebensräume zu schaffen, reicht es nicht High-Tech-Zentren in ländlichen Regionen anzusiedeln. Denn Glokalisierung funktioniert nur, wenn Lebensräume geschaffen werden, die hoch qualifizierte Arbeitskräfte und ihre Familien (auch aus dem Ausland) anziehen, die Leben und Arbeiten in der Region möglich machen. Dazu gehört die Förderung der Lebensqualität genauso wie die kulturellen Leistungen. Letztlich werden Regionen, die auf Beteiligung, Lebensqualität, Kreativität, kulturelle Diversität und Offenheit setzen, wirtschaftlich erfolgreicher und sozial innovativer.